Helmut Schmidt soll Wirken und Ertrag westdeutscher Geheimdienste mit Skepsis begegnet sein, so jedenfalls bilanziert sein Biograf Hartmut Soell die Haltung des Bundeskanzlers. Tatsächlich hat sich Schmidt über deren Arbeit auch nach seiner Amtszeit meist einsilbig geäußert. Sein langjähriger Staatssekretär Manfred Schüler, im Kanzleramt zuständig für die Überwachung der Dienste, habe dies „prima und lautlos“ gemacht, so Schmidt.
Auch über den ostdeutschen Gegenpart, das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), meist abgekürzt als „Stasi“, finden sich von Schmidt wenige Aussagen – mit den repressiven und für den politischen und gesellschaftlichen Alltag auch in der Bundesrepublik höchst folgenreichen Umtrieben des DDR-Geheimdiensts hat er sich jedoch intensiv auseinandersetzen müssen. So hing schon der Beginn von Schmidts Kanzlerschaft unmittelbar damit zusammen: Die Stasi, namentlich die für das Ausland zuständige Hauptabteilung, hatte mit Günter Guillaume einen Agenten in unmittelbarer Umgebung von Bundeskanzler Willy Brandts platziert – was dieser zum Anlass nahm, am 6. Mai 1974 zurückzutreten. Es war nicht der erste Fall massiver Einflussnahme auf die bundesdeutsche Regierungspolitik. Und auch später bleiben Bilder und Ereignisse mit dem mächtigen Sicherheitsapparat verknüpft. Zu nennen sind hier etwa die gespenstisch anmutenden Szenen rund um den Besuch Helmut Schmidts im mecklenburgischen Güstrow im Dezember 1981. Dort hatte die Stasi für Propagandazwecke eine ganze Stadt in eine Besucherkulisse verwandelt.
Persönlicher Bezug
Die Stasi führte auch über Helmut Schmidt umfassende Akten. Sicher verwahrt in seinem Privatarchiv in Hamburg-Langenhorn liegt eine Kopie der historischen Dokumente, während sich die Originale im Stasi-Unterlagen-Archiv befinden. Die über Schmidt angelegten Akten des MfS ließ er sich 2007 aushändigen. Sie dokumentieren, dass die Stasi bereits im Jahr 1965 damit begonnen hatte, Informationen über sein politisches Wirken zu sammeln. Dies beschränkte sich zunächst auf allgemein zugängliche Informationen wie Zeitungsausschnitte. Ab 1974 führten sachthematische Recherchen in den Archiven des MfS zum „Kabinett Helmut Schmidt 1974 bis 1982“ und darüber hinaus bis 1989 auch zu zahlreichen Akten, in denen es um seine politischen Aktivitäten ging. So wird Schmidt in einem Dossier anlässlich seiner Kanzlerschaft charakterisiert als: „pragmatischer Managertyp/neigt zur Selbstüberschätzung, 2 x im Jahr kleidet er sich in Hamburg ,von der Stange‘ ein“.
Helmut Schmidt war nicht nur auf der politischen Bühne mit der DDR verbunden, sondern darüber hinaus auch in privater Hinsicht. Helmut Walter, der Erstgeborene von Loki und Helmut Schmidt, verstarb im Februar 1945 nur sieben Monate nach seiner Geburt. Er wurde in Bernau bei Berlin beerdigt, da die Schmidts dort damals ihren Wohnsitz hatten. Mit der endgültigen Schließung der innerdeutschen Grenzen 1961 war ihnen der Weg zum Grab ihres Sohnes versperrt. Erst 1979 machte Loki Schmidt mithilfe des ehemaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner, des DDR-Unterhändlers Wolfgang Vogel und des zuständigen Pfarrers Nobert Lautenschläger die Grabstelle erneut ausfindig und ließ sie wiederherrichten. Wann immer es ihnen im Rahmen von Reisen in die DDR möglich war, besuchten die Schmidts das Grab ihres Kindes.
Politische Verantwortung
Nicht erst als Bundeskanzler setzte sich Schmidt dafür ein, die Beziehungen beider deutscher Staaten im Kalten Krieg zu normalisieren. Um das persönliche Leid der Menschen – auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze – so gering wie möglich zu halten, setzte sich seine Regierung etwa für Reiseerleichterungen ein, wie zum Beispiel durch Verminderung des sogenannten Zwangsumtauschs. Gemeinsam mit dem schon genannten Sonderbeauftragten der DDR-Regierung Wolfgang Vogel brachte Schmidt auch den Freikauf politischer Häftlinge voran, die die Stasi in ihren Gefängnissen inhaftiert hatte. Der „Handel“ mit dem SED-Staat in dieser und anderen Fragen folgte einem pragmatischen Ansatz. Fast 34.000 Menschen konnten so befreit werden und durften in die Bundesrepublik ausreisen. Vogel hatte nach 1989 zugegeben, auch als inoffizieller Mitarbeiter der Stasi tätig gewesen zu sein. Er musste sich zugleich gegen Vorwürfe der Vorteilsnahme erwehren. Schmidt stellte sich in seinen Büchern immer wieder vor Vogel und machte für ihn geltend, dass, wer sich auf höchster Ebene für das Wohl der Menschen einsetze, dafür immer auch Kompromisse machen müsse.
Dem zu Grunde lag Schmidts immerwährende Mahnung: „Man kann den anderen nur verstehen, wenn man ihm zuhört!“. Sie gilt genauso, wie zur Zeit der deutschen Teilung. Während heute Konfliktlinien zwischen den neuen und alten Bundesländern mittlerweile plakativ in Talkshows diskutiert werden, dürfen wir nicht verlernen, genau hinzusehen und zuzuhören, denn die Geschichte der DDR und der Stasi ist eine gesamtdeutsche Geschichte. Diese gemeinsame Vergangenheit wird auch in der Wanderausstellung „Alles Wissen Wollen” gezeigt.
Die Wanderausstellung über das Wirken der Stasi im Helmut-Schmidt-Forum
Die Auswirkungen der Stasi-Verbrechen sind für die Menschen auch über 35 Jahre nach Ende der DDR noch gegenwärtig. Allein im letzten Jahr stellten rund 20.000 Menschen Erstanträge zur Einsicht in die Akten des Stasi-Unterlagen-Archivs. Ein guter Grund, die Wanderausstellung „Alles Wissen Wollen. Die Stasi und ihre Dokumente“ nach Hamburg zu holen. Vom 17. Juli bis zum 3. Sepember ist sie im Helmut-Schmidt-Forum zu sehen. Die Schau präsentiert Objekte aus dem Archiv, informiert über die Geschichte der DDR-Geheimpolizei und ihre Methoden sowie über die oftmals drastischen Folgen der Bespitzelung für die Betroffenen. Einen Bezug zur Kanzlerschaft Helmut Schmidts verdeutlicht unter anderem eine Stasi-Planungskarte, die zur Überwachung des oben erwähnten Besuchs Schmidts in der DDR in Güstrow 1981 angefertigt wurde. Betroffene und Interessierte können sich am Abend der Eröffnung und auch am Tag danach über Möglichkeiten erkundigen, selbst in ihre eigenen oder den Stasi-Unterlagen von Familienmitgliedern Einsicht zu nehmen. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!


