Es gibt global gesehen so viele junge Menschen wie nie zuvor. Diese sind von aktuellen Krisen und bewaffneten Konflikten unverhältnismäßig stark betroffen, aber nur unzureichend in deren Prävention und Lösung sowie langfristige Friedensförderung eingebunden. Trotz ihres Engagements werden viele junge Menschen oft stereotyp lediglich als aktive Konflikttreiber (insbesondere junge Männer) oder als passive Opfer (vor allem junge Frauen) angesehen. In diesem Kontext hat der UN-Sicherheitsrat 2015 in der Resolution 2250 zum ersten Mal den „wichtigen und positiven Beitrag, den Jugendliche zu den Anstrengungen zur Wahrung und Förderung des Friedens und der Sicherheit leisten“, anerkannt. Gegliedert in die Handlungsbereiche Partizipation, Schutz, Prävention, Partnerschaften sowie Loslösung und Wiedereingliederung, sollen UN-Mitgliedstaaten – und damit auch Deutschland – junge Menschen in Friedens- und Sicherheitsbemühungen einbinden. Die mittlerweile drei Resolutionen schaffen den normativen Rahmen der sogenannten Agenda für Jugend, Frieden und Sicherheit (Englisch: Youth, Peace and Security; YPS). Zehn Jahre später mangelt es jedoch weiterhin an einer umfassenden Umsetzung.
Welche Potenziale bietet die YPS-Agenda für die Friedensförderung und Konfliktlösung in einer sich verändernden Weltordnung? Und wie kann Deutschland die Agenda weiter vorantreiben, in anderen Ländern und Regionen aber auch im eigenen Land? Um diese und weitere Fragen zu beantworten und Empfehlungen für deutsche Entscheidungsträger*innen zu formulieren, haben wir elf junge Peacebuilder aus acht Ländern nach Hamburg eingeladen.
Von der UN-Resolution zu mir
Die YPS-Expert*innen verwiesen in Diskussionen auf aktuelle Herausforderungen der Agenda: von unzureichender Finanzierung und fehlenden Kapazitäten hin zu den Auswirkungen der zahlreichen Kriege und Krisen sowie steigender Militarisierung und Polarisierung. Jedoch betonten sie auch Chancen, wie die wachsende Aufmerksamkeit für die Agenda und das Potenzial der vielen jungen Peacebuilder und deren Vernetzung. Die Workshopteilnehmenden beschäftigten sich zudem mit der Implementierung der Agenda. Wie kann ein globaler Ansatz in verschiedenen Kontexten umgesetzt werden?
Eines der Instrumente hierfür auf staatlicher Ebene sind Nationale Aktionspläne (Englisch: National Action Plans; NAPs) zu YPS, nach dem Modell zur Förderung der Agenda für Frauen, Frieden und Sicherheit (Englisch: Women, Peace and Security; WPS). In einem NAP legen Staaten ihre Strategie zur Umsetzung der UN-Agenda dar. Während im Unterschied zu über 100 NAPs zu WPS bisher nur wenige Staaten einen Aktionsplan zu YPS verabschiedet haben, scheint es derzeit – vor allem auf dem afrikanischen Kontinent – ein Momentum in der Entwicklung von NAPs zu geben. Die Expert*innen waren sich einig, dass grundsätzlich bei NAPs „Prozess über Produkt“ gelte. Demnach sollte der Fokus nicht nur auf dem verabschiedeten Papier liegen, sondern maßgeblich auch auf einem inklusiven Prozess, der eine Vielzahl diverser junger Menschen von Anfang an wirkungsvoll einbindet und ausreichend Zeit und Ressourcen zur Verfügung stellt.
Umsetzung der Agenda heute und morgen
Um aktiv die Zukunft gestalten zu können, muss man sich mit dieser beschäftigen. Daher entwarfen die Teilnehmenden Szenarien, wie die YPS-Agenda in zehn Jahren implementiert werden sollte. Hier ging es nicht um Utopien, sondern um wünschenswerte, aber plausible Zukünfte. Davon ausgehend entwickelte die Gruppe Empfehlungen für die Umsetzung, etwa durch Jugendquoten in Parlamenten oder Regionale Aktionspläne zu YPS.
Die vielfältigen Anliegen diverser junger Menschen sollten jedoch nicht in die Zukunft verschoben werden – junge Menschen müssen schon heute wirkungsvoll eingebunden werden. Die Betonung liegt hierbei auf wirkungsvoll. Denn immer noch werden sie symbolisch und ohne Entscheidungs- oder Wirkmacht beteiligt. Die Teilnehmenden betonten, dass junge Menschen während des gesamten, transparenten Prozesses – von der Planung bis zur Evaluation – eingebunden werden müssten. Außerdem sollten sie mit Respekt behandelt werden, mit genügend Vorlauf benötigte Informationen erhalten und über die Wirkung ihrer Beiträge informiert werden. Sie bringen nicht nur ihre Perspektiven als junge Menschen ein, sondern sind durch ihre gelebten Erfahrungen Expert*innen für Fragen rund um Frieden und Sicherheit und sollten als solche angesprochen werden. Grundsätzlich gilt, dass junge Menschen weit mehr als Begünstigte von Friedens- und Sicherheitsbemühungen sind: Sie sind Partner*innen und gestalten mit.
Notwendiger Dialog – miteinander und über Generationen hinweg
Ein zentrales Element des Workshops war der Dialog. Der Austausch untereinander und über nationale und regionale Kontexte hinweg stand hierbei im Fokus. Die Teilnehmenden kamen aus acht Ländern aus allen Weltregionen, von Argentinien über Gambia bis zu den Philippinen, ebenso wie aus Deutschland. Das gegenseitige Lernen durch Erfahrungen aus diversen Kontexten ist von großer Bedeutung, insbesondere da immer noch zu häufig Stimmen aus dem sogenannten „Globalen Süden“ unterrepräsentiert sind.
Gespräche fanden jedoch nicht nur zwischen den YPS-Expert*innen statt: In einer öffentlichen Veranstaltung mit der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. tauschten wir uns mit jungen Menschen in Hamburg darüber aus, was Frieden und Sicherheit für sie bedeuten und was ihre Gedanken zu einer möglichen Rückkehr der Wehrpflicht sind. Hier zeigte sich erneut, dass Themen rund um Jugend, Frieden und Sicherheit nicht nur in Kontexten, die direkt von bewaffneten Konflikten betroffen sind, sondern auch bei uns große Relevanz haben.
Neben dem Austausch junger Menschen untereinander ist auch der Dialog über Generationen hinweg essenziell. Kulturelle Normen ebenso wie bestehende Vorurteile gegenüber jungen Menschen stehen vielerorts ihrer wirkungsvollen Beteiligung entgegen. Während Jugendliche im Zentrum der YPS-Agenda stehen, obliegt die Verantwortung der Umsetzung nicht ihnen allein: Dies ist eine generationsübergreifende Aufgabe. Daher müssen Wissen und Kapazitäten bei jungen und älteren Menschen gleichermaßen aufgebaut werden. Sorgsam vorbereitete und inklusiv konzipierte intergenerationale Dialogprozesse (siehe hier) können gegenseitiges Vertrauen und Verständnis stärken.
Darüber hinaus ist der Austausch mit Entscheidungsträger*innen unerlässlich, denn politischer Wille ist für die Umsetzung der Agenda entscheidend. Im Gespräch mit einer Bundestagsabgeordneten und einer Vertreterin des Auswärtigen Amts teilten die Teilnehmenden ihre Perspektiven und diskutierten ihre Empfehlungen. Hierbei ging es auch darum, wie politische Entscheider*innen und Ministerien die Agenda weiter stärken und die Expertise junger Peacebuilder einbringen können.
Wie geht es nach dem Workshop weiter?
Der Workshop markiert einen Meilenstein im Projekt „Gen P(eacebuilder) – Umsetzung der Agenda Jugend, Frieden und Sicherheit“. Beiträge der Teilnehmenden werden Anfang 2026 auf einem virtuellen YPS-Themenportal veröffentlicht. Die jetzt gesammelten Erkenntnisse fließen neben Ergebnissen aus Forschungsinterviews und Literaturrecherche in konkrete Empfehlungen für deutsche Entscheidungsträger*innen ein.
Weitere Informationen zum Projekt finden Sie hier.


